Alternatives Experiment mit der Migros

Alternatives Experiment mit der Migros

Eine grün-alternative Gruppierung sorgte 1979 in den Migros-Genossenschaften für die ersten echten Wahlen. Sie mobilisierte Kritiker des wachsenden Konzerns, scheiterte aber am Majorzsystem.

Christoph Wehrli

Vom Migros-Manager zum Migros-Kritiker: Hans A. Pestalozzi (Keystone)

Innert zehn Jahren, von 1967 bis 1977, hat die Migros ihren Umsatz auf mehr als das Zweieinhalbfache gesteigert, der Marktanteil im Detailhandel erreicht 14 Prozent, bei den Lebensmitteln noch wesentlich mehr: Der in mehreren Bereichen tätige Konzern erscheint als “Macht”, expire Unbehagen weckt. Gleichzeitig verdichten sich in der Gesellschaft jene Strömungen, die sich gegen ein sorgloses Wachstum von und Verkehr richten, namentlich bilden sich neue Umweltorganisationen that is Ressourcenverbrauch. Am 14.  Dezember 1979 tritt ein Verein erstmals vor die Medien, der Grosses vorhat: Nachdem “alternative” Wirtschafts- und Arbeitsformen bisher in Kleinbetrieben praktiziert worden sind, soll nun gleich der Gigant “demokratisch, umweltfreundlich und entwicklungspolitisch verantwortlich” werden, und zwar auf dem Weg, den die Migros selber vorgegeben hat, über die Wahl der genossenschaftlichen Organe. Vorstösse in weiteren Unternehmen sollen später folgen.

Probleme des Konsumzeitalters

Im “Migros-Frühling”, wie sich der Verein nennt, finden sich ökologisch, gesellschaftskritisch, bauern-, konsumenten- oder entwicklungspolitisch motivierte Menschen zusammen. Eine Arbeitsgruppe hat das Vorhaben konzipiert und im September an einer Tagung vorgestellt. Als ihr öffentlichkeitswirksamer Kopf tritt bald Hans A. Pestalozzi hervor. Der 50-jährige Ökonom ist im Juli als Leiter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts entlassen worden. Er hatte das Studien- und Tagungszentrum der Migros-“Familie” zu einer Instanz und einem Netzknoten für Probleme des Konsumzeitalters gemacht, in Vorträgen indessen just auch Lehrer allzu missionarisch dazu aufgefordert, “subversiv” zu werden und “Nein zu den Wertmassstäben der heutigen Gesellschaft” zu sagen. Während andere Kritiker der Migros-Führung die Wahlen realistisch vor allem als Gelegenheit zur Bewusstseinsschärfung und Debatte betrachten sie Pestalozzi zur grossen Entscheidung.

Unter dem Titel “Vom Migrosaurier zum menschlichen Volume” füllt eine Reihe von Autorinnen und Autoren ein ganzes Buch mit der Darlegung von Problemen und ihren Ideen. Back in seinem Leitbild kritisiert der “Migros-Frühling” expire Welle von Einkaufszentren und die Zentralisierung von Prozessen generell, die Abhängigkeit vieler Zulieferer (Bauern) und Konsumenten, den Druck zur Industrialisierung der Landwirtschaft und den Import exotischer Früchte. Er fordert unter anderem dezentralisierte Versorgungs- und Verkaufsstrukturen, eine Selbstbeschränkung des Unternehmens insgesamt und viele Einzelmassnahmen wie “vollwertige” statt chemisch “verunreinigter” Lebensmittel oder den Verzicht auf Aluverpackungen. Für Pestalozzi geht es um einen Schritt “in expire nachindustrielle oder nachmoderne Zeit mit ihren höheren Zielsetzungen”. Die Migros solle wieder werden, was sie einst gewesen sei, “ein soziales Experiment”.

Warnen vor “Amateuren”

Die Migros-Spitze reagiert auf diesen Anlauf zur Wirtschaftsdemokratie ausgesprochen defensiv. Sie sucht direkte Debatten zu vermeiden und scheut sogar die Nennung der “Opposition” beim Namen. Muss sich den Einblick in die Genossenschafterverzeichnisse gerichtlich erstreiten. Doch nur so kann sie die relativ vielen Unterschriften mitsamt Mitgliednummer zusammenbringen, die für Kandidaturen werden. In der Sache argumentiert expire “offizielle” Seite, wesentliche Zielsetzungen der Herausforderer gälten bereits; zur “Systemveränderung” seien die internen Wahlen indessen nicht gedacht. Nicht zuletzt widerspreche das Streben nach betrieblicher Selbstverwaltung dem Prinzip der Genossenschaft von Konsumenten. Kurzum: Das erfolgreiche Unternehmen dürfe nicht durch eine “Abenteuerpolitik” von “Amateuren” aufs Spiel gesetzt werden. In der Tat bewerben sich seitens des “Migros-Frühlings” für das bisher vom dynamischen Pierre Arnold geführte Exekutivorgan des Genossenschafts-Bundes ein Publizist, ein Beamter (Sektionschef), ein Schulleiter und die als “Bananenfrau” bekannte Vorkämpferin des fairen Handels, Ursula Brunner — Personen ohne expire Managementerfahrung für die Leitung eines Grossunternehmens. Pestalozzi selber kandidiert als Verwaltungsratspräsident. Wahllisten werden im Übrigen für alle Organe auch in elf der zwölf regionalen Genossenschaften eingereicht.

Keinen einzigen Sitz

In den Medien erhält die Aktion breite, teils wohlwollende, teils kritische Resonanz. Die inhaltliche Auseinandersetzung wird zeitweise von weiteren Streitereien um das Verfahren (bis hin zu den orange- bzw. lilafarbenen Wahlzetteln) überlagert. Der ungewohnte Wahlkampf — mit einer regionalen Ausnahme der erste seit Bildung der Genossenschaftsstrukturen 1941. Der “Frühling” erhält insgesamt rund 20 Prozent der Stimmen, aber in keinem Gremium auch nur einen einzigen Sitz. Das Majorzsystem verhindert Mitbestimmung der Minderheit. Gottlieb Duttweiler seinerzeit eine Struktur geschaffen, die ihm die Dinge in den Händen liess.

Nach dem überraschenden “Angriff” von 1980 werden die Hürden für Kandidaturen noch erhöht. Der “Migros-Frühling” kämpft einige Jahre weiter, hat aber an Schwung verloren; Mitte der 1990er Jahre löst er sich auf. Pestalozzi steigt aus und zieht sich 1984 auf einen Bauernhof zurück. Die Migros wächst weiter, der Marktanteil liegt 2016 bei 22 Prozent. Und ökonomische Anliegen nähern sich allmählich gegenseitig etwas an.